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Friedrich Forssman
Schloßteichstraße 3
34131 Kassel
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Dank und Nachweise am Fuß der Seite.

Das »Chinesische Dorf« Mou-lang

Inhalt dieser Seite

Siehe auch das Kapitel »Villenkolonie«,
dort vor allem das Unterkapitel »Mulangstraße«.


X 1785: Tableau mit Darstellung des chinesischen Dorfs Mou-lang (Mulang) im Park von Wilhelmshöhe, Porzellan.*22 Hinter dem Fluß im Vordergrund ist ein weiteres Flüßchen mit Booten zu sehen. In Quellen des 18. Jahrunderts wurde das Flüßchen Kiang genannt, (»tchiang«), das chinesische Wort für »Fluß«. Den breiten Fluß im Vordergrund nannte man noch aus vor-Mou-lang-Zeit »Styx«; er fiel 1790 der Umgestaltung des Areals und dem Bau des Lac zum Opfer, auf dem ein chinesischer Pavillon die kleine Insel zierte. Eher auf dem Styx als auf dem Kiang-Rinnsal werden zierliche Lustschiffe gefahren sein. In der Mitte des Bildes der »Speisesaal« zwischen den beiden heute noch erhaltenen Häuschen »Milchkammer« und »Küche«.

Zusammenfassung

Am südlichen Rande des Bergparks Kassel-Wilhelmshöhe, am übergang zur heutigen Villenkolonie Mulang, befindet sich auf dem Hang oberhalb des Schloßteiches ein Kleinod: das gut erhaltene chinoise Parkdorf Mou-lang, das in den 240 Jahren seines Bestehens kaum Gebäude eingebüßt hat. Erbaut wurde es ab 1781 von Landgraf Friedrich II, erneuert und weiterentwickelt von Wilhelm IX.

Die China-Begeisterung, von der Europa im 17. und 18. Jahrhundert ergriffen war, speiste sich nicht nur aus naivem Entzücken an ferner Exotik. Die Vorstellung eines friedlichen Riesenreiches, dessen zahlreiche Bevölkerung bis in einfache Schichten literarisch und philosophisch gebildet war, faszinierte die Europäer, denen der 30jährige Krieg auch Ende des 18. Jahrhunderts noch in den Knochen saß. Die Berichte von einem Kaiser, der einerseits göttergleich war und andererseits es nicht für zu niedrig erachtete, durch rituelles Pflügen die Erde einmal im Jahr fruchtbar zu machen - und der als Nachfolger bei Ermangelung eines geeigneten Sohnes einen Bauern zu bestimmen hatte, das beschäftigte die Phantasie. Feinste kunsthandwerkliche Gebilde, die aus dem Reich der Mitte importiert wurden und Schilderungen von poetischen Landschaftsgärten samt zierlichen Gebäuden rundeten das Bild ab. So drang unter anderem auch eine Beschreibung eines niedlich verstreutes Zierdorfs in einem kaiserlichen Park nach Europa, in der man Mou-lang beschrieben zu hören meint.

2018: Zum Glück hat die mhk mit viel Liebe und Kenntnis viele der Mulang-Häuser renoviert. So lange freilich die historische Park-Chaussee als »Mulangstraße« den Durchgangsverkehr durch den Park, mitten über den ehemaligen Dorfplatz und vorbei an allen Häuschen sowie der »Pagode« führt, ist das einstige Idyll dennoch nur zu erahnen. Kein Zweifel, daß diesem Übel irgendwann gesteuert wird, zumal die Mulangstraße auch die Ayurvedaklinik verlärmt.

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X Aus Guernieros Kupferstichwerk »Delineatio Montis a metropoli Hasso-Cassellana«, 1705. Deutlich ist die Einbeziehung des gesamten (auf dieser Darstellung in der Breite stark zusammengezogenen) Rückens des Habichtswaldes in die heroisch-mythische Gesamtanlage.*22

Die Anfänge

Die grandiose Neuanlage des Bergparks von Schloß Weißenstein war unter Landgraf Karl (1670-1730) etwa gleichzeitig mit der Karlsaue, dem barocken Park nahe der Stadt Kassel an der Fulda, Anfang des 18. Jahrhunderts begonnen worden. Karl ließ vom Architekten Giovanni Guerniero auf dem fortan so genannten »Karlsberg« bei der heutigen Wilhelmshöhe eine riesenhafte Terrassenanlage nach dem Vorbild italienischer Renaissance- und Barockgärten aus der Umgebung Roms mit Grotten und Wasserspielen erbauen, gekrönt von einem achteckigen Gebäude, das schließlich in einer monumentalen Herkulesfigur gipfelte. Unterhalb der Anlage war ein barockes Schloß geplant, das das Renaissance-Schloß Weißenstein (erbaut ab 1606) des Landgrafen Moritz ersetzen sollte. Doch erst Landgraf Wilhelm IX, Karls Urenkel, der spätere Kurfürst Wilhelm I, ließ das Schloß abtragen und einen neuen Bau errichten, der sich auf die monumentale Karlsberg-Gestaltung bezog.

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Schloß Weissenstein um 1770
X Schloß Weißenstein
1776
, Gemälde von Johann Heinrich Tischbein. Man sieht von Südwesten auf das Bowlinggreen. Der Lac entstand später am rechten Bildrand. Zu sehen sind allerhand Tempel und Triumphbögen.*28


Kew, 1761: Die Chambers-Pagode. Hier ein Link zu einer Site über Kew.


Die chinesischen Pavillons im schwedischen Drottningholm, ebenfalls in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts entstanden. *Jakub Halun


Die Pagode in Oranienbaum, errichtet 1795–1797, mit dem Teehaus und chinoisen Brücken Bestandteil des englisch-chinesischen Gartens in Dessau-Wörlitz. *Heinz Fräßdorf

Der Enkel Karls, Landgraf Friedrich II., liebte Parkbauten und -Attraktionen. Eine gar zu hübsche Aufzählung seines Parkschmucks findet sich bei Heidelbach: Wenn man auf das folgende Bild klickt, öffnet sich ein Fenster mit der ganzen Liste, die ohne den Wechsel von Fraktur und Antiqua nur halb so vergnüglich wäre:

*16

1781 ließ er mit dem Bau des chinesischen Dorfes bei Schloß Weißenstein beginnen. Südlich des Schlosses lag ein ideal geeignetes Gelände: ein Hang, Felsen, Wasser, Nähe zum Parkrand und somit an der Grenze zu Landwirtschafts-Flächen. Zunächst wurden hölzerne strohgedeckte Häuschen gebaut und mit Blech-Ornamenten geschmückt. Mit den Planungen wurde vor allem der Hofgärtner Daniel August Schwarzkopf betraut, der seine Position bekommen hatte, weil er seine Ausbildung in England vervollkomnet hatte, und der später von Landgraf Wilhelm IX übernommen wurde.

Von Anfang an wurden nicht nur Gebäude, sondern auch Gehölze in chinesischem Stil geplant, etwa mit Baumgruppen in Hell-Dunkel-Kontrasten oder als chinesisch geltenden Bäumen wie dem »Taschentuchbaum«. Vor allem Felsen und Wasser, die wichtigsten Elemente chinesischer Gartenkunst, sind hier vorhanden. In China assoziiert man mit ihnen das Weltprinzip von Yin und Yang, den beiden gegensätzlichen Kräften, die nach alter überlieferung sämtliche Abläufe der Natur bestimmen. Die harten, trockenen, nach oben strebenden Felsen symbolisieren die männliche Kraft Yang, das stille, weiche Wasser die weibliche Kraft Yin. Nicht nur die heute noch zahlreich erhaltenen Gebäude, sondern auch die sehr wichtigen Baumgruppen und zugewachsenen Felspartien warten dringend auf ihre Wiederherstellung.

Warum ein chinesisches Dorf?

Kenntnis von China gelangte nach Marco Polos Pionierfahrt über Kaufleute und Gesandte, vor allem aber seit Mitte des 17. Jahrhunderts über jesuitische Missionare nach Europa. Seit dem 16. Jahrhundert gab es eine ausgesprochene Verehrung der chinesischen Hoch- und Alltagskultur: der Philosophie, der Staatskunst, der bildenden Künste (auch der Gartenkunst) und der Gebrauchsgegenstände (Seide, Lackarbeiten, Porzellan). Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gab es auch eine Gegenbewegung, die die bedingungslose Chinaverehrung in Zweifel zog und verspottete. Aber noch ins 19. Jahrhundert hinein galt das konfuzianische Staatswesen als schlechthin vorbildlich. Bräuche wie das einmal jährlich stattfindene rituelle Pflügen durch den Kaiser oder die überlieferung, bei Ermangelung eines geeigneten leiblichen Nachfolgers habe der Kaiser einen Bauern (die im alten China einem sehr gebildeten und geachteten Stand angehörten) vom Pflug weg als Thronfolger bestimmt, sind für die Wahrnehmung des mit Bauern bevölkerten Dorfes Mou-lang von Bedeutung. Solche Hinweise auf die Bedeutung des Bauernstandes im alten China waren im Europa des 18. Jahrhunderts längst bekannt; speziell der pflügende Kaiser wurde seit dem späten 17. Jahrhundert in Wort und Bild oft zitiert. (Dieser Abschnitt verdankt sich dem Text von Friedrich Andreae: »China und das achtzehnte Jahrhundert«, s.*15.)

Zur Gartenkunst: Der Brite William Chambers hatte lange als Kaufmann in China geweilt. 1757, nach seiner Rückkehr nach England, verfaßte er ein Buch über ostasiatische Baukunst, 1763 eines über den von ihm in Kew angelegten Park mit Kupferstichen der dortigen orientalischen Bauten: Pagode, Moschee, Alhambra. 1772 schrieb er ein Buch über chinesische Gärten, in dem er den Bau chinesischer Parkbauten anregte. (Chambers’ Werke gehören auch zum historischen Bestand der Schloßbibliothek Wilhelmshöhe.) Dadurch löste er eine europaweite »Chinoiserie«-Mode aus. Es hatte aber, im Gefolge der oben geschilderten China-Verehrung, schon im 17. Jahrhundert chinesische Park-Architektur gegeben. Chambers war nur bis Kanton gekommen, hatte aber alle verfügbaren Reiseberichte gelesen und für seine Bücher ausgenutzt, um seinen Ruf als Koryphäe zu stärken. So kannte Chambers den Brief des Jesuiten Attiret über die kaiserlichen Gärten, wo es eine Miniaturstadt gab und ein ländliches Gegenstück: »ein eingefriedeter Teil mit äckern, die wirklich bearbeitet wurden, Wiesen und Weiden mit grasenden Herden, Bauernhäuser und kleine verstreute Hütten.«*20 Man meint, eine Beschreibung des Dörfchens Mou-lang zu lesen, dessen ökonomischem Nutzen gerade die idyllische Verstreutheit der Häuschen zum Verhängnis wurde. Als locker komponiertes Dörfchen mit eindeutigen, authentischen Bezügen zu China ist Mou-lang einzigartig. Man darf es also nicht ohne weiteres mit nicht-chinoisen »Ornamented Farms« oder anderen bukolischen Park-Dörfern in einen Topf werfen - obwohl es, wie weiter unten geschildert, diese harmlosere Seite durchaus auch hatte; Mou-lang changiert zwischen philosophischer Mustersiedlung und Luxus-Spielzeug.

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X 1786. Zeichnung von Johann Heinrich Müntz (Ausschnitt). Das Schloß Weißenstein steht gerade noch; links ist deutlich die Moschee zu erkennen. Ansicht von Osten. Auf der Rückseite steht auf französisch: »Man sieht hier viele Arbeiter damit beschäftigt, den Südflügel des Palastes niederzureißen und an seinem Fuß ein tiefes Becken für einen großen Teich auszuheben.«*22


X 1790: Blick über den Schloßteich, den »Lac«, nach Westen. Im Hintergrund das 1710 begonnene Oktogon mit der Herkulesfigur, rechts das Schloß Wilhelmshöhe, erbaut ab 1786. Links, direkt neben den Fichten, sieht man die Moschee. Unfern von ihr entstand die »chinesische Kolonie« Mou-lang, die man auf dem Bild nicht sieht, die aber älter ist als das abgebildete Schloß Wilhelmshöhe (noch im Idealzustand: drei einzelne Baukörper, der mittlere mit Kuppel).

Wilhelm IX

Am 31.Oktober 1785 starb Friedrich II: »Beim Mittagsmahl auf Schloß Weißenstein beugte sich der Landgraf plötzlich vor, drückte die Serviette gegen den Mund und gab seinen Geist auf.«*3 Zu diesem Zeitpunkt ist das Dorf Mou-lang etwa in dem Zustand, den das oben abgebildete Porzellantablett zeigt.

Nach 1786 ließ Landgraf Wilhelm IX das Renaissance-Schloß Weißenstein abbrechen und nach Entwürfen von Simon Louis du Ry den ersten Flügel des heutigen Schlosses Wilhelmshöhe errichten: Auf dem parkseitigen Portikus steht heute in großen goldenen Lettern »WILHELMVS · I · EL · CONDIDIT« (Wilhelmus primus elector condidit, Wilhelm der Erste, Kurfürst, hat es erbaut; vor Erlangung der Kurwürde stand dort WILHELMVS · IX · CONDIDIT; der talseitige Portikus trägt die Aufschrift »WILHELMSHOEHE«, die während der »Franzosenzeit« in »NAPOLEONSHOEHE« geändert worden war – die Bohrlöcher der Änderungen sind noch sichtbar). »Schon Ende Dezember 1791 waren, wohl auf eine Anregung des Fürsten hin, [...] Vorschläge zur Benennung des neuen Schlosses gemacht worden; es finden sich da die Namen: Wilhelmswert, Wilhelmswonne, Mont-unique, Mes délices, Wilhelms Berglust, Ehrenburg, Freudenstein, Höhenpracht [...] Wilhelmshayn, Wilhelmsfeste, Wilhelmssorge [...] Wilhelmsstuhl.«*16

Den meisten architektonischen Parkzierat, den sein Vater so geliebt hatte, ließ Wilhelm IX zu Beginn seiner Regentschaft beseitigen. Er hatte kühne Pläne zur Umgestaltung des Parks – und sollte ein würdiger Vollender der Planungen seines Urgroßvaters Karl werden. Das Parkdorf Mou-lang ließ Wilhelm IX aber stehen und baute es sogar weiter aus – was wohl auch am Hofgärtner Schwarzkopf gelegen haben dürfte, der ein Liebhaber Mou-langs war. Wilhelm modernisierte die Häuschen Ende des 18. Jahrhunderts, indem er die früheren Holzhäuser durch Steinbauten ersetzen ließ; beim Neubau wurde viele Ornamente weggelassen, aber geschwungene Giebel und Dachlaternen sorgten für ein nach wie vor chinesisches Bild. Auch die Landschaft um das Dorf wurde sehr stark umgestaltet: In der Nähe Mou-langs wurde der Schloßteich angelegt und die ein oder zwei chinesischen Flüßchen samt Holzbrücken entfernt.

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Zwischen dem ehemaligen Standort des chinesischen Speisesaals und dem Lac liegt ein »Gelehrtenstein« (auf die Bezeichnung klicken für den Wikipeda-Artikel), der zweifellos in der Gründungszeit des »chinesischen Dorfes« auf einem Sockel oder in einem Kiesbett präsentiert wurde. Passenderweise hat ein Gelehrter mich auf einem Spaziergang auf das besondere Stück aufmerksam gemacht. Irgendwie hat der »Suiseki« 250 Jahre ausgeharrt – und dient nun, gewiß in Verkennung seiner Bedeutung, als Kanaldeckelbeschwerer.


Der Gelehrtenstein von Westen gesehen, links der Lac ...


... von Osten ...


... und von oben.*21

Der Name Mou-lang,

den das künstliche Dorf 1791 bekam, ist nach häufig geäußerter Meinung eine halb exotisierende, halb mundartliche Umformung des französischen Wortes für Mühle, Moulin.*16 Für die Theorie einer Verballhornung des französischen Wortes durch die Kasseler Mundart scheint auch zu sprechen, daß 1930 eine Karnevalsfeier »Mulang-Ruusch-Fest« genannt wurde, das Festmotiv also »Moulin rouge« war.*10

Andererseits hat Wilhelm IX, der spätere Kurfürst Wilhelm I, schon im Jahre 1791 den Namen »Mou-lang« für das Dorf offiziell festgesetzt, was eindeutig gegen die Mundart-Theorie spricht. Das Gebiet, in dem der Kaiser von China im Herbst Jagden abhielt, wurde »Mulan« genannt, nach dem Mandschu-Wort »muran«, der das Röhren eines Hirsches nachahmt; Kunde von diesen Zeremonialjagden gelangte auch nach Europa.*20 Dies ist die wahrscheinlichere Deutung – zumal auch der »Kiang«, der Dorf-»Fluß« (auf dem oben abgebildeten Porzellan-Tablett gut zu sehen) schon in zeitgenössischen Quellen mit diesem korrekten chinesischen Wort bezeichnet ist, so etwa bei der Beauftragung einer Holzbrücke über denselben.

Prof. Hardy Fischer ergänzt diese Hinweise auf authentische China-Bezüge unter Zitaten aus Kausch:*25 »[...] nordöstlich [...] liegt eingebettet in eine herrliche Berglandschaft die ehemalige kaiserliche Sommerresidenz [...]. Während die Stadt selbst, die heute etwa 200.000 Einwohner hat, nicht weiter sehenswert ist, zählt der alte Residenzpark mit seinen Palastanlagen, Pavillons und Pagoden [...] zum schönsten, was (Kassel?) zu bieten hat.«
  Kassel und der Park Wilhelmshöhe könnten gemeint sein. Aber es ist die Rede von der Stadt Chengde, 250 km nordöstlich von Beijing, und der dort gelegenen ehemaligen Sommerresidenz der chinesischen Kaiser, dem »schönsten, was China architektonisch zu bieten hat«. Die Sommerresidenz in Chengde ist heute UNESCO-Welterbe.
  Weiter im gleichen Text: »Mindestens einmal im Jahr begaben
[die chinesischen Kaiser] sich ins Land der Väter [die Mandschurei], um dort dem heißen Beijinger Sommer zu entfliehen und in den wildreichen Wäldern des Nordens zu jagen. Eines Tages, im Jahr 1702, stieß der Kangxi-Kaiser auf dem Weg nach Mulan [das nördliche Jagdgebiet] auf ein liebliches Tal, in dem eine heiße Quelle entsprang, die sich in den nahen Wulie-Fluß ergoß. [...] Der Monarch pries das Tal als einen Ort, ›wo die Eleganz des südlichen China mit der Erhabenheit des Nordens einhergeht‹, und ließ dort die kaiserliche Sommerfrische errichten. Im Gründungsdekret erklärte der Kaiser, die Anlage solle eine versöhnliche Geste gegenüber den ethnischen Gruppen darstellen, einen Platz zum Training von militärischem Geschick und einen Ort, um wichtige Gäste zu empfangen« [...]. Es ist »die größte kaiserliche Parkanlage in China (560 ha) und etwa doppelt so groß wie der Beijinger Sommerpalast [und damit doppelt so groß wie der Bergpark Wilhelmshöhe, dessen Kernzone 240 ha umfaßt]. Ihr offizieller Name [...] lautet: Bergschloß, in dem man der Sommerhitze entflieht (Bishu Shanzhuang).«
  Die buddhistischen sogenannten Acht äußeren Tempel umgeben den Park der Sommerresidenz von Chengde in einem Halbkreis. »Jeder einzelne repräsentiert eine bestimmte Region des chinesischen Reiches und unterstreicht die politische Verbundenheit einer ethnischen Minderheit mit dem mandschurischen Kaiserhaus. So ist es kein Zufall, daß die Eingänge der Tempelanlagen in Richtung der kaiserlichen Residenz weisen und somit symbolisch der weltlichen Macht des Himmelssohnes unterordnen.
«

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X Johann Heinrich d.Ä. Tischbein (1722-1789): Ansicht des Schlosses Weißenstein von Norden, 1786. Links der Weißensteinflügel des damals ganz neuen Schlosses, in der Mitte Mou-lang.*22


X Detail aus der vorigen Abbildung.


Auf diesem Plan vom »Dorff Moulang« aus dem Jahr 1793 erkennt man sehr gut den Dorfcharakter (oben: Westen).*7


X Andreas Range (1762-1835): Prospekt des fürstlichen Schlosses auf dem Weissenstein von Westen, 1791.*22


X Detail aus der vorigen Abbildung. Zu sehen sind von links nach rechts: Kuhstall (5), Speisesaal mit 5 chinoisen Fenstern (SP), Milchhaus (M), Windmühle (W), Pagode (P), ein kleines Chausseehaus (9?) und die Pagode (P). (Die Bezeichnungen in Klammern verweisen auf den unten abgebildeten Mou-lang-Plan von Maren Brechmacher-Ihnen.)

* * *

Christian Presche schreibt mir folgende wertvolle Hinweise, darunter auch einer auf das »Mohren hauß«:

Ein Lageplan im Staatsarchiv Marburg (Best. Karten, Nr. P II 20497) zeigt übrigens die Nutzungen der Mulang-Gebäude 1785; so finden wir:
- »Genesisher Tempell«: Pagode; erhalten
- »Küche«: erhalten
- der Salon/Speisesaal fehlt noch; nicht erhalten
- »MilchCammer«: erhalten
- »Schafstall«; nicht erhalten
- »Scheure«: Scheune; stark verändert, Mulangstraße 7
- »Kühstall«: Kuhstall; umgebaut und aufgestockt, Mulangstraße 5
- »Schweitzer Wohnung«: spätere Bagatelle, Mulangstraße 2
- »Mohren hauß«: der heute kaum mehr erkennbare kleine Kernbau von Mulangstraße 3 (vgl. in Eisenträgers Ansicht das rötlich-gelb/blaue Häuschen mit goldenem Dach). Darin ursprünglich zwei seitliche Räume, in der Mitte Eingangsflur und vermutlich (zur Rückseite) eine Küche. In diesem Häuschen können damals ausschließlich Betty Johnson und Hanne gelebt haben, keine weiteren Bediensteten; ob auch Catharina, ist mir unklar.

Bis Ende 1787/Anfang 1788 (Lageplan von Jussow; vgl. Ausst.-Kat. Jussow 1999, Kat.-Nr. 52) kamen dann noch hinzu:
- jener Saal zwischen Küche und Milchkammer (vgl. in Eisenträgers Ansicht); nicht erhalten
- ein Häuschen zwischen Mulangstraße 3 und 5, das wenig später als Hirtenhaus nachweisbar ist (während das »Mohrenhaus« zur Saalwächterwohnung wird);
- außerdem wurde Mulangstraße 4 noch in chinoisem Stil als Haus des Windmüllers errichtet.
Zum Zustand nach den Veränderungen um 1791/92 vgl. hier und hier.

 

»Exotische« Menschen in Mou-lang

Zur Belebung des chinesischen Dorfes wurden unter Friedrich II drei schwarze Frauen angestellt.

»Die Funktion dieses Dorfes [...] war zunächst die eines Ortes für herrschaftliche Vergnügungen wie ›Schäferspiele‹. Einen kleinen Fluß mit Brücke, einen See mit kleinen Booten, Wiesen mit weidenden Herden, Wälder mit Hirschen, Haine mit Fasanen sowie Pfauen konnte das Gelände bieten. Es war die ideale Szenerie für eine ›Ornamented Farm‹. Die Hirten hatten, wenn die Gäste zu bedienen waren, chinesische Kleidung zu tragen und die schwarzen Diener Fantasie-Kleidung.«*18

* * *

Über die Lebensumstände im künstlichen Dorf Mou-lang gibt ein Aufsatz von Wolfram Schäfer Auskunft.*5 Schäfer räumt dort auch gründlich mit dem bei Heidelbach*16 (und leider auch wieder bei Steinhauer 2003*23 sowie von der Aktivistengruppe »kassel postkolonial« 2020) kolportierten Gerücht auf, Samuel Thomas Soemmerings Schrift »Ueber die körperliche Verschiedenheit des Mohren vom Europäer«, Mainz 1794, sei nach einer Sektion eines Schwarzen aus dem Dorf Mou-lang entstanden.
  Im Folgenden einige Auszüge aus dem Text:

»Ohne sich in größeren Spekulationen ergehen zu müssen, dürfte der von Holtmeyer hergestellte Zusammenhang zwischen der bezweckten Exotik des chinesischen Dorfes und den tatsächlich dort feststellbaren schwarzen Bewohnerinnen zutreffen. Die Anlage hatte allerdings neben der exotisch-ästhetischen auch eine ökonomische Bedeutung, umfaßte sie doch einen landwirtschaftlichen Betrieb. Dieser auch als Weißensteiner »laiterie« oder »Weißensteiner Economie« bezeichnete Hof lieferte Milch, Butter und Käse für die Hoftafel. Im Rahmen dieser Produktion arbeiteten zeitweilig auch einige »Mohrinnen«, deren Existenz im chinesischen Dorf, wo sie auch wohnten, offensichtlich zu einer »Mohrenkolonie« hochstilisiert wurde [nämlich von Biographen Soemmerings, etwa Rudolf Wagner 1844].
  Belegt ist der Einsatz von insgesamt drei Frauen (!!), von denen zwei seit 1784 für jeweils mehrere Monate dort tätig waren. Ihre Namen lauteten Betty(e) Johnson und Hanne. Die »Mohrin« Hanne wird zusammen mit ihren Kindern erstmals unter den Rubriken »außerordentliche Ausgaben« (29.II.1783) und »Ausgabe Pension« der Leibkompanie geführt, was auf die Verbindung zu einem dort dienenden »Mohren-Tambour« aus dem Leibgarderegiment schließen läßt. Im Dezember des gleichen Jahres wurden dann den »Mohrinnen« Hanne und Betty Johnson aus der landgräflichen Schatulle je 3 Rthlr. ausgezahlt.
  Diese »Mohrinnen« arbeiteten in den ersten (Jan. bis April) und letzten Monaten des Jahres (ab Okt.) auf der Weißensteiner Oekonomie, wofür sie ein monatliches Salär von 3 Reichstalern erhielten. Von Mai bis August hatten sie dort offensichtlich weniger zu tun, denn in dieser Zeit erhielten sie jeweils monatlich nur 2 Reichstaler »Sommer Pension«.
  ähnlich verhielt es sich im Jahr 1785. Unter den Besoldungsempfängern der »Weißensteiner Oekonomie« befinden sich ganzjährig die beiden schon genannten »Mohrinnen«, im März kam als dritte Catharina hinzu, die als Tagelöhnerin »bey der Wind Mühle« arbeitete, die 1784/85 erbaut worden war. Die Frauen erhielten weiterhin monatlich 3 Reichstaler an Besoldung. Catharina lebte übrigens nur wenige Wochen im chinesischen Dorf, in der Besoldungsliste für den Monat Mai ist sie nicht mehr enthalten, da sie zwischenzeitlich verstorben war.
  Insgesamt wurde die Weißensteiner Oekonomie mit einem relativ geringen Personalaufwand betrieben. 1784 arbeiteten dort neben den schon genannten »Mohrinnen« 2 Kuhhirten, 1 Milch-Magd, 1 Eselsknecht und ein Schäfer, der auch als Ziegenhirte eingesetzt war. Im Jahr darauf hatte sich die Zusammensetzung der Beschäftigten des kleinen Landwirtschaftsbetriebs nur geringfügig geändert. Nunmehr waren dort eine Madame Galigary, die beiden Melker Würsten und Mertzen, der Oberknecht Bode, der Windmüller Brand und der Schäfer/Ziegenhirte Battefeld tätig. Dazu kamen, wie schon genannt, die »Mohrinnen« Betty Johnson und Hanne, sowie für wenige Wochen Catharina. Die »Mohrinnen« im chinesischen Dorf erhielten zu den baren Geldbeträgen noch Kleider, Schuhe, Wäsche und Bettzeug. In allen Auszahlungsanweisungen und Rechnungs-Belegen ist immer nur von »Mohrinnen« oder »Mohrenweibern« die Rede. Nur einmal taucht noch ein Kind auf, wobei es sich vermutlich um ein Kind der »Mohrin« Hanne handelte.
  Muß also angesichts dieser Tatsachen angenommen werden, daß tatsächlich nur »Mohrinnen« im chinesischen Dorf beschäftigt waren, so kommen die Gebäude auch als reine Wohnstätten von anderwärts beschäftigten »Mohren« nicht in Betracht. Wäre dies der Fall gewesen, so hätte sich zumindest in Zusammenhang mit den zahlreichen Ausgaben für Einrichtungsgegenstände der im chinesichen Dorf befindlichen Gebäude ein Hinweis finden müssen. Aber auch in dieser Hinsicht ist einzig und allein von Frauen die Rede.
  In einem Ausgabevermerk vom 1. Februar 1785, bei dem es um die Summe von 8 Rhtlr. 21 Alb. 4 Hlr. ging, heißt es in diesem Zusammenhang unmißverständlich:
  »Dem Schreiner Grunauer für Bettstellen, Tische etc. für die Mohrinnen beym Chines. Dorff«.

  Wie lange diese »Mohrenkolonie«, von der nach den bisherigen Ausführungen weiterhin zu sprechen sich eigentlich verbietet, existierte, läßt sich nicht mehr genau bestimmen. Die Beschäftigung von »Mohrinnen« düfte aber nach dem Tode Friedrichs II. im Oktober 1785 nicht mehr allzu lange fortbestanden haben. Das chinesische Dorf wurde zwar noch von seinem Nachfolger bis 1791 weiter ausgebaut, allerdings traten dabei mehr und mehr die ästhetischen hinter die wirtschaftlichen Gesichtspunkte zurück. Da die Anlage in Bezug auf Vieh- und Milchwirtschaft auch nicht rentabel arbeitete, wurde das »verfehlte Unternehmen« schließlich aufgegeben und 1797 verpachtet.
[...]
  Die »Mohren« und ihre Nachkommen scheinen in der Tat gewisse klimatische und ernährungsbedingte Anpassungsprobleme gehabt zu haben und gegenüber bestimmten Krankheiten besonders anfällig gewesen zu sein. In diesem Zusammenhang fällt auch deren geringe Lebenserwartung und hohe Kindersterblichkeit auf. Neben diesen durchaus nachvollziehbaren Ursachen für die häufigen Erkrankungen und den frühen Tod etlicher Kasseler »Mohren« und »Mohrinnen« haben möglicherweise auch seelische Gründe eine Rolle gespielt. Verschiedene Anzeichen sprechen dafür, daß trotz der weitgehenden sozialen Absicherung, die sie genossen, einige von ihnen in der Fremde litten und sie sich in der neuen Heimat keineswegs wohl fühlten.
[...]
  Wir müssen uns in dieser Hinsicht vergegenwärtigen, daß die »Mohren« sich teilweise wie die Tiere eines Zoos gefühlt haben müssen. Nicht nur, daß einige »Mohrinnen« mit ihren Kindern die Exotik des chinesischen Dorfes beleben mußten, auch alle anderen schwarzen Bewohner Kassels waren mehr oder weniger zu Anschauungs- und Studienobjekten geworden.
«

Wolfram Schäfer: »Von ›Kammermohren‹, ›Mohren‹-Tambouren und ›Ost-Indianern‹«, in: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Band 23, »Fremdsein«

Den Zitattext in diesem Teilkapitel habe ich am 24.07.2020 ergänzt. Die zahlreichen Fußnoten habe ich weiterhin weggelassen; sie belegen Schäfers Darlegungen. – Aus heutiger Sicht ist die »Verwendung« von Menschen zu Exotismus-Zwecken selbstverständlich abwegig. Immerhin waren die Entlohnung und der (geringe) Freiheitsgrad der drei schwarzen Frauen dieselben wie diejenigen der einheimischen Mulang-Bewohner, die Schäfer nennt.

* * *

Sklaverei war in weiten Teilen der europäischen Bevölkerung durchaus verpönt: Die hessischen Soldaten, die durch die Subsidienverträge vor allem unter Landgraf Friedrich II, dem Mou-lang-Gründer, zu Kämpfen nach Nordamerika vermietet wurden, »[hatten] einen moralischen Rückhalt in der Tatsache, daß die Feinde, die Führer der Verfechter scheinbarer Freiheit, die Väter der amerikanischen Union, fast durchweg Sklavenhalter waren.«*12 – Freiwillig zogen dennoch die wenigsten in den amerikanischen Krieg. Auch der Schriftsteller Johann Gottfried Seume geriet in die Fänge der Kasseler Subsidien-Häscher und wurde nach Nordamerika verschifft. Seine biographische Skizze »Mein Leben« (hier ein Link auf die Reclam-UB-Ausgabe) ist unter diesem und jedem anderen Aspekt höchst lesenswert.

* * *

3.8.2020: Kaum habe ich den Hinweis auf Seume auf diese Website gestellt, schon sendet Dr. Christian Presche folgende präzisierenden Ausführungen:

»Zu Seume vgl. übrigens hier, Punkt 7, S. 22 und 23. Gewaltsame Werbung war in Hessen sogar ausdrücklich verboten; gewaltsam Geworbene sollten sofort wieder freigelassen, ihre bisherigen Verpflegungskosten dem Offizier in Rechnung gestellt werden. (HLO VI, S. 55ff., Reglement vom 16. Dez. 1762) Allerdings bot das Militär gerade auf dem Land den nachgeborenen Bauern- und Handwerkersöhnen, den Kindern von Tagelöhnern etc. eine Einkommensmöglichkeit und löste damit zugleich ein latentes soziales Problem. Im Fall des Amerika-Einsatzes warb man auch Ausländer (wie Seume) an, und weitere Nachrekrutieren erfolgten dann direkt vor Ort.

Die Historiker Hans Philippi und Fritz Wolff schreiben 1979: ›Nicht nur die hessische Landstände billigten diesen Vertrag, sondern er wurde in weiten Kreisen der Öffentlichkeit als etwas Selbstverständliches hingenommen. Erst im Laufe des Krieges hat die Propaganda der Feinde Englands, Franzosen und Amerikaner, diesen Soldatenverkauf angeprangert und die Truppen zur Desertion aufgefordert. Das 19. Jahrhundert hat sich des Soldatenhandels als eines willkommenen Agitationsmittels gegen die Mißbräuche des absoluten Fürstenstaats bedienen können. Daß für die Offiziere und einen Teil der Soldaten der Einsatz in dem fernen Lande (Kat. Nr. 47) und die zu bestehenden Abenteuer einen eigentümlichen Reiz gegenüber der Monotonie des Kasernenbetriebs und des heimatlichen Dorflebens ausübte, steht ebenso außer Zweifel wie die Tatsache, daß viele hessische Bauernsöhne durch einen Sold in einer Höhe, die ihnen sonst im Leben nie mehr geboten wurde, angelockt waren. Werbegelder und Löhnung brachten über Nacht vielen Familien eine unvorhergesehene wirtschaftliche Erleichterung. Ebenso freilich steht fest, daß ein anderer Teil der Soldaten mit dem ihnen zuteil gewordenen Los unzufrieden waren.

Die hessischen Finanzen gesundeten durch den Geldeinstrom, die Ausrüstung von 17 000 Mann auf fremde Kosten brachte Geld unter die Bevölkerung und ermunterte die Gewerbe. Wenn die ordentlichen Einkünfte der hessischen Kammer Mitte des 18. Jahrhunderts jährlich an eine halbe Million Taler heranreichte, durfte der Einschß von 19 Millionen Talern in den jahren 1776-1784 als ungeheur bezeichnet werden. 8 Millionen wurden als Werbegelder und Löhnung direkt in der Bevölkerung umverteilt. 11 Milionen bildeten einen Reingewinn für die hessische Kriegskasse, die sich in eine so günstige Lage versetzt sah, daßdie Kontribution genannte Kriegssteuer, die vor allem auf dem Landvolk lastete, um die Hälfte erlassen werden konnte.

Die mit beträchtlichen Opfern im Frieden unterhaltene Armee erwies sich durch die Gunst der Stunde als ein Segen für Land und Leute.‹

(Ausst.-Kat. Aufklärung und Klassizismus in Hessen-Kassel unter Landgraf Friedrich II. 1760-1785, S. 21.)

Nicht uninteressant ist dabei, dass der spätere Kritiker Frankreich selbst sich bereits 1775 um einen Subsidienvertrag mit Hessen bemüht hatte, dann aber nicht zum Zuge kam (sicherlich nicht zuletzt angesichts der engen Verbindungen Hessens zur britischen Krone). (Link)«

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X Karte des »Chinesischen Dorfes« Mou-lang von Maren Brechmacher-Ihnen, 2003.
Zeichnung: Martina Umathum.


Lageplan, um 1810. Der besseren Vergleichbarkeit wegen gedreht: oben ist Süden.*22

Auf der Karte von Mou-lang, gezeichnet von Maren Brechmacher-Ihnen nach Recherchen von ihr und Siegfried Hoß, ist die Mulangstraße als Parkchaussee deutlich zu sehen, an der die meisten Gebäude locker aufgereiht sind. Es gibt aber auch einen Ortskern zwischen Bagatelle und Kuhställen: bei der Einmündung der heutigen Kurhausstraße.

Die Mulangstraße ist heute auf den ersten Blick eine normale Fahrstraße, zum Park hin durch Hecken abgetrennt und von parkenden Autos gesäumt. Der Zusammenhang des Dörfchens Mou-lang ist dadurch kaum mehr zu erkennen. Aber die UNESCO-Kommission überprüft bekanntlich alle zwei Jahre, ob Verbesserungen an bestehenden Welterbestätten vorgenommen wurden ...

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Die folgenden fünf Bilder zeigen Handzeichnungen aus der Schloßbibliothek Wilhelmshöhe und stammen aus »W.Strieder’s Wilhelmshöhe«.*9


Die Moschee (MO). Handzeichnung. Die beiden flankierenden Minarets fehlen auf der Zeichnung. Die Moschee stand in der Nähe des Dörfchens Mou-lang, gehört aber weder thematisch noch räumlich zum Dorf, das man nicht nur als belanglosen Exotismus sehen darf, sondern das eine ästhetische und philosophische Aussage darstellt. – »Um 1820 ist das Bauwerk verschwunden. Clemens Brentano erwähnt die Wilhelmshöher Moschee in seinem ›Godwi‹. Es heißt dort: ›Ich ging ruhig den Pfad gegen die Moschee herauf. Chinesische Brücken trugen mich über tosende Katarakte[...]Ich hänge mitten darin, auf das schwache Geländer gestützt[...]Die Moschee, der Turban der Dame, ihr Schleier versetzten mich in die Feerey des Auslandes.‹«.*7 Hier klicken für den kompletten Text des »Godwi« im »Projekt Gutenberg«.

Hier klicken für ein PDF mit einem trefflichen zweiseitigen Text zur Moschee von Gerd Fenner.


Simulation der Moschee vom Autor dieser Website.*21

* * *


Entwurf für den Salon mit Nebengebäuden, um 1783 (SP). Für diesen Speisesaal waren laut Paetow im Jahre 1785 Möbel geliefert worden.*22


X Der Speisesaal. Radierung, Wiederhold, ca.1800.*21


X Der Speisesaal als Verbindungsbau.*29 – Jérôme, Napoleon Bonapartes Bruder, hatte den Mou-lang-Speisesaal abtragen und als Verbindungsflügel zwischen dem von ihm (bzw. von Leo von Klenze) erbauten Theater (dem Vorläuferbau des heutigen Ballhauses) und dem Kirchenflügel des Schlosses einsetzen lassen. Der »heimkehrende, verbitterte Fürst Wilhelm I«, der »die Spuren der Fremdherrschaft beseitigen wollte«, habe diesen Glas- und Spiegelbau nach einer Stelle nordwestlich der Pagode versetzen lassen, wo er bis 1851 gestanden habe, heißt es bei Paetow.*6

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Chinesisches Haus in Mou-lang. Entwurf von 1790, Handzeichnung.*7


Chinesisches Haus in Mou-lang. Entwurf von 1790, Handzeichnung.*7


X Werkzeichnung zur Windmühle, Grundriß, Teilaufriß und Längsschnitt.*22

* * *


Bagatelle, Entwurf zu einem Bett mit Baldachin, Vorder- und Seitenansicht.*22

Zur Baugeschichte von Mou-lang finden sich in »W.Strieder’s Wilhelmshöhe« zahlreiche zeitgenössische Hinweise. Hier Auszüge (Ergänzungen und Bezeichnungen von Bauwerken gemäß dem Brechmacher-Ihnen-Plan stehen in eckigen Klammern):
 »[1789] Kommt man den Berg hinunter [zum oberen Ende der heutigen Mulangstraße], so erblickt man gerade vor sich eine schöne Gegend, welche fast nirgends sichtbar wird; gerade vor und auch neben sich hat man die Häuser, rechter Hand stehet eine Windmühle [W] und linker Hand eine kleine Pagode [P], welche ein Wäldchen von Lerchenbäumen von dem übrigen Theile von Mou-lang absondert. Ebenfalls linker Hand in das Thal hinunter, das der Fluß durchströmt, sieht man die Insel, gegenüber der Anhöhe den südlichen Schloßflügel ganz kühn stehen. Weiterhin rechter Hand kommt man bey Stallungen, in welchen Schweizerkühe gehalten werden und bey kleine Wohnhäuser für die dazu gehörige Leute: linker Hand wiederum etwas niedriger bei eine Küche [K], einen Sallon [SP] und eine Milchkammer [MK]: dichte am Wege noch linker Hand bei ein niedliches Haus, Bagatelle genannt [2], vor dem eine Voliere und neben bey eine Taubenflucht stehet. So, wie man hier den Berg hinab paßirt, siehet man gerade aus in den Lac und mehr in der Entfernung das Dorf Kirch-Dittmold mit seiner voranragenden neuerbauten Kirche. Eben auch hier, wo rechts und links 2 große Felsenmassen liegen, vereinigt sich diese Chaußée wiederum mit der zweyten südlichen Chaußée [der späteren Rasenallee und heutigen Kurhausstraße]. Paßirt man den Weg von Osten nach Westen [geht man also wieder zurück], so hat man rechter Hand allwo die Chaußée gegen Norden sich wendet [hinter dem heutigen beliebten »Wunschtörchen«], eine im nachfolgenden Jahre angelegte Phasanerie von Gold- und Silberphasanen nebst der Wohnung für den Phasanenwärter und den zur Phasanerie erforderlichen Gebäuden [heute nur noch als Ruine vorhanden, Bilder weiter unten] vor sich im Gesichte, welches hier die Gegend ungemein belebt, indem besonders die weißen und Silbersorten Phasanen auf dem Raßen sehr gut kontrastiren. [...]
  Vom 20ten November bis 29. Januar 1791 hat man oben in Mou-lang ein Haus zur Schweizer- oder Pförtners-Wohnung zurecht gemacht, weil die dazu bisher gedienten, 2 kleine Häußer am Fuße des Schloßbergs bey dem Baue des Lac-Dammes im folgenden Jahre auf die Seite geschaft werden mußten. [...]
  Vom Aprilmonate an wurden die zum Theil noch unausgebauten Koloniehäußer im Chinesischen Dorfe, das von jetzt an den Namen Mou-lang erhielt, in Stand gesetzt: Das bis dahin dem Bau-Inspektor Jußow zur Wohnung eingegebene Haus (welcher nun auf dem rechten Ekflügel des neuen Stokwerks auf dem Marstalle sein Logis erhielt), für den Durchlauchtigsten Fürsten aptirt und mit dem Namen Bagatelle belegt [2]: das auf dem Felsen neben Bagatelle gestandene Chinesische Häusgen weggenommen: ein Pferdestall, ein Kühe- und Schaafstall hinterwärts erbaut [5, 7]: das neben Bagatelle stehende Pavillon zu einem Fürstlichen Speisesaal [SP] eingerichtet die darneben befindliche Küche und Milchkammer erneuert, auch noch vier neue Koloniehäuser längs der Chaußée erbauet [4, 9, 6, H, 10] und auf der Anhöhe die schon vorhandene Windmühle [W] wiederum ausgebeßert. [...]
  Weil das bisherige Schweizer- oder Pförtners-Haus auf der Höhe von Mou-lang nicht mehr chiklich befundn; so ist am 13ten May ein ganz neues unter dem Schloßberge da, wo die neue Chaußéen in die alte zusammenstoßen, zu bauen angefangen und solches Ende Septembers fertig geworden [1].
  September [1794]. In diesem Monathe ist ein mit Rasen belegter Weg von Weißenstein nach Ober-Zwehren und eine neue Chaußee von der Felsenburg [der im Bau befindlichen und auch im nächsten Jahr schon so genannten Löwenburg] nach Moulang, wodurch die bisherige sehr steile Chaußee abgeschnitten worden ist, gnädigst resolvirt und angefangen worden. In Moulang wurde ein neuer Schaafstall mit einer Schäfer Wohnung [8] [...] erbaut. [...]
  [1795] Das im späten Herbste des vorigen Jahres zum Behuf eines Schaafstelles und der Schäfer Wohnung aufgeführte Gebäude ist in diesem Frühjahr völlig ausgebauet, auch in den anderen Ställen in Moulang verschiedene Veränderungen gemacht.
  [1798] Die Verpachtung von Mou-lang und dem ehemaligen von Wittorsischen Gute, nunmehr Mont-cheri genannt, veranlaßte noch verschiedene Einrichtungen in denen oekonomischen Gebäuden und die Anlegung einer Brandweinsbrennerey in Mou-lang. [...]
  Der bisherige Ausfluß des Lacs war unmittelbar am Fuße des Schloßberges angelegt, und bildete einen kleinen aus vielen sich ähnlichen Cascaden bestehenden Fluß, der sich in einem Teiche oberhalb der Chaußée an der Schmiedewiese endigte [in dem Gebiet zwischen der heutigen Straßenbahn-Endhaltestelle der Linie 1 und dem Lac]. Dieses schien weder nach der Lage des Lacs noch nach der Beschaffenheit des umliegenden terrains natürlich zu seyn. Das feine und richtige Gefühle Sr. Hoch Fürstl.n Durchl. für alles was die Schönheit einer Landschaft zu bilden vermögend ist, lies dies nicht unbemerkt. Höchstdieselben misbilligten diese Anlagen und verordneten eine Abänderung, mit welcher im Anfange des Oktobers 1798 angefangen und der Waßer Ausfluß des Lacs weiter hinunter nach dem Dorf zu verlegt wurde.« [Dies ist der heute noch so erhaltene von Jussow gestaltete Wasserfall an der Talseite des Lac, zu bewundern über die Dächer der parkenden Autos hinweg von der Mulangstraße aus, siehe unten.]

Auffälliger Bestandteil des Dorfes war die Windmühle, die als einer der ersten Bauten errichtet wurde und nicht nur der Zierde diente, sondern tatsächlich in Betrieb war. Sie stand etwa an der Einmündung der heutigen Löwenburgstraße, da, wo Ende des 19. Jahrhunderts Wilhelm Ledderhoses »Café Mulang« stand (siehe »Villenkolonie«). »Sie wird als sehr klein geschildert, in der es kein Müller lange aushielt. Sie hatte unter den unregelmäßigen und heftigen Winden am Osthang des Habichtswaldes zu leiden.«*9 Eine Windmühle war nichts typisch Chinesisches, sie wurde wohl hauptsächlich errichtet, um den Realismus der Wirkung des Dorf-Ensembles zu steigern. Man konnte sie andererseits nicht in tatsächlich zweckmäßiger Größe errichten, ohne daß sie das Ensemble störend dominiert hätte.

Es gab durchaus einen Zusammenhang zwischen Löwenburg und Chinesischem Dorf – beide Bauwerke entsprachen in hohem Maße dem Ideal den englischen Vorstellungen eines Parks. Casparson schreibt: »Der Britte Chambers lehrte uns von China aus eine Gartenkunst, die gleichsam eine grosse, durch Schönheit und Mannigfaltigkeit der Natur reiche Landschaft ins Reine bringt. Wir nennen sie vielleicht besser einen englischen Park, weil das Wort Garten zu klein seyn möchte. Ihre Schönheit macht sie zum Schauplatz lachender, fürchterlicher und bezaubernder Scenen«.*11 – In Goethes »Triumph der Empfindsamkeit« findet sich eine sprechende Bezeichnung für die künstlichen Grotten der englischen Gärten: »chinesisch-gotisch«. Es zeigt sich in weiteres Mal: »die Grenzlinien der einzelnen Stile verwischen sich und nur das Romantische bleibt als wesentlich für den Eindruck bestehen.«*15

Auch Besucher wurden durch Mou-lang geführt, wie Hofrat Strieder 1796 notiert: »Morgens 1/2 9 Uhr kamen S.D. der Herzog von Sachsen-Weimar in Begleitung [...]. Nach genommener Chocolade fuhren Smus [Serenissimus, also Wilhelm IX] mit denselben in einem Wagen durch Moulang nach der Löwenburg, von da zum Octogon und wiederum beym laufenden Aqaeduc herunter, die springende Fontaine vorbey, auf dem Fürstenweg hinunter und bey den Treibhäusern, welche auch besehen wurden, vorbey, wiederum herauf«. –
(Christian Presche danke ich für folgenden Hinweis: »An versteckter Stelle weist Dittscheid in seinem dicken Wilhelmshöhe-Werk darauf hin, dass die Beschreibung ab 1795 von Jussow selbst fortgeführt wurde, nicht mehr von Strieder: Dittscheid, Wilhelmshöhe, S.24 sowie vor allem S.170 mit Anm. 1060 und 1062.«)

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1860: Mou-lang auf einer Karte, wohl aus einem Lexikon oder Reiseführer.*21


1875: Gut zu sehen die Gesamtanlage von Mou-lang mit dem Intendantenhaus am Abzweig der Park-Chaussee von der Wilhelmshöher Allee. Das Pensionshaus steht schon, ebenso die Villa Schmidt (neben »Village«).*21


1860: Mou-lang im Park Wilhelmshöhe, Holzstich.*21


X Ansichtskarte von ca.1905: »Partie in Mou-lang«. Man blickt die Mulangstraße hinunter, links der vordere, in der Mitte der hintere Kuhstall, rechts die Kurhausstraße 1.*21


Ansichtskarte von ca.1900: Ausflüger auf einer Bank an der Pagode. Zur Nachkriegsgeschicht der Pagode und dem heutigen Zustand steht unten mehr.*21


Ansichtskarte von ca.1910: »Cassel – Chinesischer Tempel«*21



Ca.1965: Zweimal die Pagode im Winter.*21

Nach dem Aufgeben der »Oekonomie« in Weißenstein am Ende des 18. Jahrhunderts und dem Erlöschen der Chinoiserie-Mode führte das Dorf Mou-lang nur noch ein Rand-Dasein. Von 1826 an wurde die »Schweizerei« von Montchéri nach Mou-lang verlegt. (Montchéri, ein Landgut nahe des Neuen Wasserfalls, wurde 1839 abgebrochen; die Gewölbe sind bis heute erhalten, aber zugeschüttet. Auf dem Kartenausschnitt von 1875, der sich beim Anklicken der nebenstehenden Abbildung öffnet, sieht man rechts oben noch das Wort »Mont« von »Mont Chéri«.) Die »Schweizerin«, die Witwe des Hofgärtners Sennholz, wurde von dort in die Bagatelle umgesiedelt und betrieb von da aus Milchwirtschaft, wozu sie auch die umliegenden Mou-lang-Gebäude als Viehställe, Milchkammern etc. benutzte. Sämtliche Mou-lang-Häuschen wurden 1826 für 6.000 Reichstaler neu hergerichtet.

*21
Aus: »Geographisch-statistisches Comtoir- und Zeitungs-Lexikon. Nach den neuesten Bestimmungen. [...] Für Geschäftsmänner, öffentliche Büreaus, Comtoirs, Kaufleute, Fabrikanten, Manufakturen, Zeitungsleser, Reisende, überhaupt für gebildete Stände und Jeden, der über Gegenstände der Geographie schnell belehrt seyn will. Von Dr. Friedr. Alb. Niemann. Quedlinburg und Leipzig, Verlag von Gottfr. Basse. 1827.« - Es fällt auf, daß auch in einem so kurzen Artikel über Wilhelmshöhe das »chinesische Dorf« erwähnt wird.

Die Häuschen wurden nach dieser Schweizerei-Episode vor allem von Parkbediensteten bewohnt, etwa von Parkwächtern, die verwirrenderweise ebenfalls »Schweizer« genannt wurden. Immerhin zeigen die nebenstehenden Karte von ca.1860 und 1875, daß Ort und Name »Moulang« noch damals für wichtig genug gehalten wurden, detailliert dargestellt bzw. auch auf detailarmen Karten überhaupt erwähnt zu werden. Und alle Häuschen, die bis dahin überlebt hatten, durften stehenbleiben. Bis auf das sehr schöne Fasanenwärters-Häuschen, das im zweiten Weltkrieg einer Bombe zum Opfer fiel (siehe weiter unten), ging nach 1855 (Abriß des »Speisesaals« zwischen Milchkammer und Küche) wohl kein Mou-lang-Bau mehr verloren.
  Auch der nebenstehend abgebildete Holzstich aus dem Jahr 1860, der eine nicht eben hochrealistische Ansicht des Parkes zeigt, verzichtet nicht auf das Dorf Mou-lang: unten sieht man das »AufsichtersHaus«, oben die Bagatelle und den Schafstall, alles heute noch erhaltene Bauwerke (1, 2 und 5 auf der Karte von Maren Brechmacher-Ihnen).

Wenige Jahre danach wurden nahe dem oberen Ende der Mulangstraße Kuranstalten erbaut (Schmidt, Reichel, beide gingen bald in der Wiederhold’schen Anstalt auf); nahe dem unteren Ende ward 1872/73 das Hotel »Pensionshaus Wilhelmshöhe« errichtet.
  Durch die Gründung der Villenkolonie Mulang, die Ende des 19. Jahrhunderts rasch wuchs und den seit 1885 zunehmend starken Kurbetrieb, auch durch regen Ausflugsverkehr zu den zahlreichen Gaststätten und Cafés in der Villenkolonie rückte das Dorf Mou-lang, damals wie heute ein hochinteressantes Bindeglied zwischen Wohnbebauung und Landschaftspark, etwas deutlicher ins Bewußtsein (siehe die Kapitel »Villenkolonie« und »Kurort Wilhelmshöhe«). Die Pagode diente als Postkartenmotiv; die »Bagatelle« und andere Häuschen wurden vorübergehend Kaffeewirtschaften.
  Der baulichen Zustand der Gebäude im Jahre 1929 stellte sich allerdings wie folgt dar: »Heute wirken die kleinen Gebäude, soweit sie noch stehen, gar nicht mehr chinesisch. Nur die Pagode macht eine Ausnahme. [...] Heute verbergen sich die kleinen Gebäude, die uns erhalten sind, im hohen Waldpark, oder verschmelzen mit der modernen Villenkolonie dort. Auch die frühere Farbenfreude haben sie, außer der Pagode, durch weiße Tünche eingebüßt.«*6

Durch den guten Zustand, in den die Häuser der chinesischen Kolonie zunächst in den Nachkriegsjahren, dann wieder in den 80er, 90er und 2010er Jahren versetzt wurden, und durch die guten gärtnerischen Entscheidungen, die in diesem Parkbereich getroffen wurden, bestünde die Möglichkeit, mit relativ geringem Aufwand den Reiz der einmaligen Kostbarkeit »Mou-lang« wieder erlebbar zu machen.

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Die Numerierungen geben die heutige Zählung der Häuser an.

Die Parkchaussee Mulangstraße heute, die erhaltenen Bauwerke des Dorfes Mou-lang, ihre historischen Bezeichnungen und Funktionen


Nr.1: Die »Aufsichters Wohnung« 2003.*21

Am unteren Anfang der Mulangstraße, wo die Wilhelmshöher Allee abknickt und zur Rasenallee wird, steht auch heute noch die »Aufsichters Wohnung«, Mulang Nr.1.

Dr.Christian Presche schreibt mir dazu: »Das kleine gelbe Häuschen rechts wurde erst 1793 als neues ›Schweizer- oder Pförtners-Haus‹ gebaut, vgl. Strieder in: Holtmeyer, Strieder’s Wilhelmshöhe, S. LXIII. Mit dem chinoisen Dörfchen der frühen 1780er steht es nicht in Zusammenhang.« – Dennoch ist das hübsche Häuschen, das von der dahinter aufragenden Habichtswaldklinik ästhetisch arg beeinträchtigt wird, ein schöner Auftakt beim Gang durch das heutige Dorf Mou-lang.


Auf dem Friedhof befindet sich das Grab Karl Steinhofers (1747–1829).*21

Auf halbem Wege zum Dorf liegt, hinter einer Straßenbiegung nicht leicht zu finden, der Mou-lang-Friedhof. Zur Entstehung schreibt Heidelbach: »Unter Kurfürst Wilhelm I. wurde auch der kleine Friedhof unterhalb Mulang am südöstlichen Ende des Lac angelegt, und zwar, wie die auf der Innenseite der Umfassungsmauer angebrachten Inschriften besagen, 1820. In diesem Jahre wurde der Friedhof offenbar von der Steinmauer eingefriedigt; die bei der ersten Bestattung erfolgte Einweihung geschah [...] bereits 1817«*16.
  Auf dem Friedhof liegt Karl Steinhofer begraben, ein für die Gestaltung des Parks überaus bedeutender Landschaftsarchitekt des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts und seinerzeit eine populäre, originelle Erscheinung, »Wassergott« genannt.*13 Der »Steinhöfersche Wasserfall« im Park trägt seinen Namen, auch den »Neuen Wasserfall« hat er geschaffen (siehe die entsprechenden Einträge im Kapitel »Park Wilhelmshöhe«). 1908 wurde ihm auf seinem schon fast vergessenen, unkenntlichen Grabe ein angemessener Grabstein gesetzt.

Im Mulang-Archiv vorhanden: Einige Akten mit Anträgen zu Bestattungen auf dem Mou-lang-Friedhof, zu Bestattungsgebühren, zu Aufgaben des Totengräbers, zum Baumbestand sowie zeitgenössische amtliche Beschreibungen, alles aus der 2. Hälfte der 1920er Jahre.


Saalwächters Wohnung.*21


Nr.3, ca.1905. »Kaffeehaus Wagner«.*21

»Saalwächters Wohnung« beherbergte den Aufseher des Speisesaals, der gegenüber diesem Häuschen, jenseits der Dorfstraße lag. – In Karl Paetows Beschreibung der Mou-lang-Bauwerke von 1929 steht: »Kuhställe und Hirtenhaus. Es folgen zwei Kuhställe, von denen der unterste eine ähnliche Bauart aufweist, wie der Schafstall. Er ist länger und hat nur eine Tür. Gegenüber liegt eine Hirtenwohnung. Dieses niedrige Bauwerk steht noch heute und dient als Kaffeewirtschaft.«*6 Paetow meint damit gewiß die Nr.3.

Daß die Postkarte von ca.1905 »Saalwächters Wohnung« zeigt, hat Dr.Christian Presche herausgefunden: »Es handelt sich (in der heutigen Zählung) um Mulangstraße 3 (die zeitweilige Saalwächter-Wohnung), bevor das Haus in den 1920er Jahren durchgreifend umgebaut und erweitert wurde. Von diesem früheren Zustand vor dem Umbau sind mir sonst kaum Bilder bekannt«


Die Bagatelle 2003.*21


Bagatelle-Entwurf
, 1790.*7


Die Bagatelle zu Jussows Zeit.


»Bagatelle«, 1914 gestempelt.*21

Die »Bagatelle« war Heinrich Christoph Jussows (1754-1825) Wohnung während seiner Wilhelmshöher Tätigkeiten, bis sie 1791 ihren Namen bekam und von da an dem Fürsten als Unterkunft diente, wenn er die künstliche Ländlichkeit miterleben wollte.

Das erste Foto wurde 2003 vom eigentlichen Dorfplatz aus aufgenommen, rechts unten sieht man noch den Schatten des »Kuhstalls«, der Anfang des 20. Jahrhunderts als Schule diente und heute ein Wohnhaus ist. Nach rechts geht die Kurhausstraße ab, die von ihrer Anlage um 1795 bis in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts »Rasenallee« hieß und seinerzeit in Dorfnähe nach Plänen tatsächlich eine geschlossene Rasendecke aufwies und im weiteren Verlauf einen Rasen-Mittelstreifen.

Der Entwurf zur Bagatelle zeigt schon die Proportionen des später gebauten Hauses. Freilich wurden statt der halbrunden Fenster und des halbrunden Giebels des Entwurfs ein »Pagodengiebel« und eine ingesamt einfachere Bauart gewählt.

Das Bild der Jussow-Zeit, von Westen her gezeichnet, zeigt die Bagatelle inmitten einer anmutigen Parklandschaft, das Ideal eines Einklangs von Mensch und Natur. Der Bau im Hintergrund dürfte sich der Phantasie des Zeichners verdanken. Vielleicht diente die Moschee zur Anregung.

Die Postkarte schließlich, entstanden etwa um 1910, zeigt die Bagatelle mit Kaffee-Ausschank. Damals lag der Eingang noch auf der Parkseite des Gebäudes. Auch der geschwungene Giebel ist heute begradigt.


Vorderer Kuhstall.*21


Hinterer Kuhstall.*21


Gartenidylle.
*21

Der Dorfplatz von Mou-lang.

Der vordere Kuhstall, 2018–20 aufwendig saniert (auf dem Brechmacher-Ihnen-Plan und in der Mulangstraße die Nr.5) und das dahinterliegende Gebäude (Nr.7), das ebenfalls als Kuhstall diente, waren die beiden einzigen zweistöckigen Häuser im bescheiden-niedlichen »Chinesischen Dorf« Mou-lang.
  Die Nr.7, der schräg hinter der Nr.5 gelegene Kuhstall, ist im Jahre 2002 nach Befall durch Hausschwamm sehr schön wiederhergestellt worden.
  Das Bild darunter zeigt die Gärten der Häuser 5 und 7. Ein Stück klassizistisches Dorf-Idyll, gelegen zwischen Gründerzeit-Villenkolonie und Englischem Landschaftsgarten. Dieser dörfliche Charakter sollte endlich für das ganze Dorf Mou-lang und die Parkchaussee Mulangstraße, von der »Aufsichters Wohnung« an, wiederhergestellt werden.


Der Dorfplatz auf einem Lageplan von ca.1810. Nach links unten führt die Rasenallee, die heutige Kurhausstraße. Bei der Einmündung in den Dorfplatz ist sie von zwei torhausartigen Häuschen flankiert; das untere ist die Nr.3, »Saalwächters Wohnung«. Das quadratische Haus rechts davon ist die »Bagatelle«. darüber der gläserne »SpeiseSaal«, flankiert von »MilchKammer« und »Küche«.*22


2003: Blick von der Mulangstraße auf Milchkammer und Schloß.*21


Die Küche (2003).*21


Die Küche (1913).*21

Vom einstigen Ensemble »MilchKammer« – »Speise Saal« – »Küche« sind nur noch die beiden flankierenden quadratischen Gebäude erhalten, nicht mehr der Speisesaal. Dieser war 1791 im Auftrag Wilhelms IX erbaut worden. Küche und Milchkammer hatten fließendes »gutes Wasser«. Die Küche wird, fensterlos und kühl, eher als Anrichte verwendet worden sein. Gut erkennt man die ebene Fläche zwischen den beiden kleinen Gebäuden, auf denen der Speisesaal gestanden hat.

In Milchkammer und Küche sind Reste alter Bemalung vorhanden, in der Milchkammer hübsche Marmorierungen. Beide Gebäude werden derzeit nicht genutzt, das Innere ist nicht zu besichtigen. Das schwarzweiße Bild unten zeigt die Küche im Jahr 1913. Man sieht, wie verwildert dieser Teil des Parks war.

Noch bis in die 90er Jahre hinein wurden in der ehemaligen »Küche« Verstorbene aufgebahrt, die auf dem Mou-lang-Friedhof zu Grabe getragen wurden. Daher hat sie im Volksmund die Bezeichnung »Leichenhaus« erhalten. Eine solche Funktion hatte sie zu Zeiten der »Weissensteiner Oekonomie« aber nicht gehabt


Milchhäuschen-Benefizfest 1905.*21


Links: Pagoden-Zeichnung bei Over. Rechts: Entwurf zur Mou-lang-Pagode.*20


Vor 1900: Innenansicht der Pagode, wohl noch weitgehend im Erstzustand.*27


30er Jahre, nach der Renovierung.*27


Der Buddha.*27


Ein »Chinese«.*27


Die Pagode, ca.1957. Bei der Wiederherstellung wurden Bemalungen erhalten.


Die Pagode 1965.*21


Die Pagode auf einer Mehrbildkarte von ca.1975. Noch sind die Säulen mit den gewundenen Ornamenten versehen.*21


Die Pagode (2003).*21

Unweit der Mulangstraße steht die Pagode, das bekannteste Bauwerk von Mou-lang. Sie entstammt einem Musterbuch des Engländers Charles Over: »Ornamental architecture in the Gothic, Chinese and modern Taste [...]«. Das erste Bild zeigt eine Pagoden-Musterzeichnung bei Over und die Entwurfszeichnung für die Mou-lang-Pagode: es ist klar, daß dies die direkter Vorlage gewesen war. Dem Bildhauder Heyd wurde die innere und äußere Ausgestaltung übertragen; die beiden Drachen, die sich rechts und links an der Tür erhalten haben, sollen von ihm stammen, ebenso die Figuren im Inneren.

Die Pagode hatte nie eine praktische Funktion und wurde auch nach Scheitern der fürstlichen Mulang-ökonomie nicht mit zur Pacht angeboten, sondern diente, wie auch die »Moschee«, erst als exotische Dorfkirche und später nur mehr als reizvoller Blickpunkt. Paetow schreibt: »Das zierliche Bauwerk soll eine ostasiatische Kapelle darstellen, die Kirche, den geistigen Mittelpunkt des Dorfes«.*6 Im Zeitalter der Aufklärung, als Moschee und Pagode entstanden, gab es die idealistische Vorstellung einer Einheit der Religionen, so daß kaum ein Christ Anstoß an einer buddhistischen oder muslimischen Gebetsstätte nahm (eine Aufgeklärtheit, an der sich diejenigen, die partout eine Moschee im Kassel des 21. Jahrhunderts verhindern wollten, ein edles Beispiel nehmen könnten).

Von ihrer Erbauung, also etwa 1775, bis 1930 wurde die Inneneinrichtung der Pagode kaum verändert. Sie bestand aus einem Dickbauch-Buddha, der in einer Nische unter einem Baldachin saß. In zwei weiteren Nischen standen rechts und links zwei weitere Figuren. Vor dem Buddha stand ein Tischchen, Wände und Decke waren mit Ornamenten reich bemalt. Im unteren Teil des Raumes gab es eine Trompe-l’œuil-Bibliothek, die womöglich aus dreidimensionale »Buchrücken« zeigte.

In den 30er Jahren wurde die Pagode renoviert und dabei die ursprünglichen Malereien stark verändert oder ganz übermalt. Mit erstaunlich geschickter Hand wurde ein reicherer Zierat angebracht, unter anderem zwei chinesische Inschriften rechts und links des Dickbauch-Buddhas: »Mit offenem Mund kann man lachen, lachen über die lächerlichen Menschen unterm Himmel. / Mit dickem Bauch kann man ertragen, ertragen was man in der Menschen Welt sonst schwer erträgt.«*26

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Pagode aufgebrochen und die Inneneinrichtung zerstört oder gestohlen; Reste der Skulpturen liegen heute noch verstümmelt im Inneren des Gebäudes. Die heiter-gelassene Inschrift steht etwas gespenstisch über dem traurigen Anblick. Bis heute wurden keine Schritte unternommen, etwas an diesem Zustand zu ändern.

In der Mitte der 50er Jahre wurde das äußere nach einer kurz zuvor aufgefundenen Zeichnung wiederhergestellt.*14 Auch die Spitze der Pagode wurde wieder mit Glöckchen und dem »türkischen« Halbmond geschmückt (vgl. das Bild von ca.1900 weiter oben). – Christian Presche ist folgender Hinweis zu verdanken: »Ist das sicher? Denn ich meine, auf den älteren Ansichten nur den Schirm erkennen zu können, und bereits diese viel ältere Zeichnung zeigt nur den Schirm. Dementsprechend geht Ulrike Hanschke in der Erläuterung der Zeichnung auch von einem Irrtum der 1950er Jahre aus.«

Das Privatfoto von 1965 (aus einer Antiquariats-Fotokiste; rückseitig beschriftet: »Vor dem chin. Tempelchen auf dem Heimweg zur Haltestelle 6 im Park Wilhelmshöhe im Sommer 65«)zeigt ein anderes Bild. Die Pagode war offenbar kurz zuvor im heutigen hellen Gelb recht unbarmherzig angestrichen worden. Auch die Säulen sind teilweise ihrer gewundenen Zierbemalung beraubt, teils wirkt diese viel gröber als auf dem Foto von 1957.

Die Postkarte von ca.1975 zeigt die Pagodensäulen mit blauen Spiral-Ornamenten an den Säulen und Resten von Bemalung auf dem Gebäude selbst. Ob das Foto viel älter ist? oder ob nach 1965 die Bemalung noch einmal wiederhergestellt worden war?

Warum und wann genau daß äußere der Pagode in den heutigen keineswegs originalen und sehr lieblos wirkenden Zustand versetzt wurde, war bisher nicht herauszubekommen. Die Wiederherstellung der Pagode, des äußeren wie auch des Inneren, steht dringend an. Inzwischen gibt es eine Initiative »Rettet Mulang!« des Vereins »Bürger für das Welterbe – Park Wilhelmshöhe, Karlsaue und Wilhelmsthal e.V.«. Hier klicken für die Website des Vereins mit weiteren Hinweisen.


Haus Nr.9 (2003).*21


Haus Nr.9 (1913).*7


Haus Nr.4 (2003).*21


Haus Nr.6 (2003).*21


Haus Nr.6 (1913).*7


Blick vom Haus Nr.6 nach oben zum Fröbelseminar (2003).*21


»Schaafstall und Schäfer Wohnung«, Nr.8.*21


Nr.8 (rechts) und Nr.10, noch ohne das angebaute Wohnhaus (links), um 1910.*19


Haus Nr.10 (2003).*21


Haus Nr.10 im Jahre 1913, noch ohne Anbau.*7

Kleine Häuser an der Chaussee, wie sie den Arbeitern der Weißensteiner Oekonomie zur Wohung dienten:

Zuerst ein besonders kleines Häuschen (Nr.9), das über ein Nebengebäude verfügt. Hinter der Hecke stand bis 1944 das beliebte »Café Mulang«, zu Dorfzeiten stand dort die Windmühle. Vielleicht diente das abgebildete Haus dem Windmüller zur Wohnung. Die schwarzweiße Abbildung darunter zeigt das gleiche Haus, wie auch die anderen beiden schwarzweißen Bilder kleiner Mou-lang-Häuschen in »W.Strieder’s Wilhelmshöhe«*7 abgebildet.
  
Das Haus Nr.4 liegt angenehm zurückgesetzt von der Straße und gleicht im Wesentlichen der Nr.6. (Eine Inneneinrichtung oder -bemalung hat sich in keinem dieser »kleinen Häuser an der Chaussee« erhalten.) Auch die Nr.8, der »Schaafstall mit Schäfer Wohnung«, bietet noch ein erfreulich ländliches Bild, durch den einfachen Feldweg, der zu dem Haus führt und durch die zurückgesetzte Lage.
  Das Haus Nr.10 hat in den 10er oder 20er Jahren des 20. Jahrhunderts einen eigentlich sehr gelungenen Anbau bekommen, der zum Dorf Mou-lang natürlich nicht recht paßt, aber längst zur Parkgeschichte gehört.

Frage an Kenner: »Erhalten hat sich der sogenannte Chinese. Es ist dies ein plumpes Bildwerk, offenbar aus der Werkstatt Nahls, das nicht ohne Qualität ist. Es steht etwa 400m unterhalb Mulangs im heutigen Garten Stolzenbach und ist von einem Kranz von Bäumen umgeben.« So schreibt Paetow 1929. Ist jemandem bekannt, um welches Bildwerk es sich handelt und ob es sich bis heute erhalten hat?

Nr.10: »Hotel und Pension von Eschstruth, Mulang Nr.13, 6 Betten«, zu finden in Reiseführern der 30er Jahre: Das ist das heutige westlichste und somit oberste Mulang-Häuschen (von 1790) mit sehr gelungenem Anbau.

Dr. Christian Presche schreibt mir zu diesem Haus:

»Diese Woche habe ich durch Zufall (bei Recherchen für einen Aufsatz) auch noch dieses hier gefunden, sogar mit Photographie.
  Hummel hatte zusammen mit Ernst Rothe die Stadthalle gebaut, außerdem die auf den vorhergehenden Seiten beschriebenen Siedlungsanlagen und die kleine Siedlungsanlage Mombachstraße / Heckershäuser Straße, zuvor schon Teile von Salzmannshausen, und auch der Entwurf für die Friedhofsverwaltung samt Trauerhalle (diese später allerdings verändert) an der Karolinenstraße stammt von Hummel.
  Wie weit beim Bau des Hauses Mulangstraße 13 (heute 10) noch Änderungen des Entwurfs (Sept. 1921, wenn ich es richtig lese) vorgenommen wurden, ist schwer zu sagen - die Bauaufnahme von 1937 im Stadtarchiv weicht in einigen Punkten im Grundriss ab, und die Fensterläden wurden auch etwas anders ausgeführt, als im Entwurf 1921 dargestellt (vgl. die Photographie - demnach sind sie am Altbau in der historischen Form geblieben, mit kleinen runden Öffnungen statt der Lamellen, was auch am OG des Neubaus übernommen wurde).
  Und noch etwas ist bemerkenswert: Helene von Eschstruth scheint tatsächlich die Bauherrin gewesen zu sein - dafür spricht jedenfalls die Beschriftung des Entwurfs, und in den Adressbüchern ist sie spätestens ab 1932/33 als Besitzerin des Hauses nachweisbar (Adressbuch für 1933). Sie hatte zunächst ihren Hauptwohnsitz in Kassel gehabt und das Häuschen in Mulang nur im Sommer genutzt (vgl. Adressbücher bis 1920/21 einschließlich, Stand: April 1920; aber zuletzt für 1916 mit eigener Kasseler Adresse erfasst), im April 1921 (Adressbuch für 1921/22) und in den Folgejahren wird sie jedoch dauerhaft im Haus an der Mulangstraße geführt. Wann und wie sie es erworben hat, ist mir noch völlig unklar. Auch zu der von ihr betriebenen Pension gibt es eine Akte von 1934/35 (StadtA KS, Best. A.3.32 Nr. 1674). Nach der Zerstörung scheint zumindest der Altbau provisorisch hergerichtet gewesen zu sein und wurde vermietet, aber erst das Adressbuch für 1954 verzeichnet das Gebäude als Landesbesitz, und 1955/56 erfolgte dann der Neubau.
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2003 aufgenommen. In der Bildmitte stand links das Fasanenwärterhäuschen.*21


Postkarte von ca.1920: Das Fasanenwärterhaus.*21


Fasanerie, Winter 1910*4


Fasanenwärterhaus, 1910*4

Wenn man weiter auf der Parkchaussee in Richtung Löwenburg geht, verläßt man den mit dem Auto befahrbaren Teil der Chaussee. Das zur Fasanerie gehörende Wohnhaus, das an einem Seitenweg zur rechten Hand lag, gehörte nach strenger Auffassung nicht mehr zum »Chinesischen Dorf«: Es ist etwas später entstanden (siehe oben die entsprechenden Passagen aus »W.Strieder’s Wilhelmshöhe«), es liegt recht weit entfernt vom Dorf und ist vor allem nicht Bestandteil des (ländlichen) Dorf-Konzepts, sondern diente zur Züchtung von (höfischen) Zier-»Phasanen«. Nach einem Bombentreffer im zweiten Weltkrieg ist das einst sehr schöne und wunderbar gelegene Gebäude leider nur noch als Ruine mühsam zu erkennen. Die Postkarte und die zwei Schwarzweiß-Fotos zeigen das Fasanenwärterhaus: einmal im Winter hangab, also von Süden her aufgenommen und einmal hangauf im Sommer; beide Photographien stammen etwa von 1910. Auf dem Winterbild von 1910, das aus der gleichen Perspektive aufgenommen wurde wie das Bild von 2003 darüber, erahnt man unten im Tal die zur Fasanerie gehörigen Wirtschaftsgebäude. Die Perspektive ist diejenige von der Höhe des bekannten »Wunschtörchens«, dem Rest eines Torbogens, der einst den Weg von Mou-lang zur Löwenburg überspannte. Der große Torbogen ist verschwunden, das niedrige Seitentörchen hat seinen Bogen behalten. Wer es durchschreitet, so die örtliche überlieferung, und sich etwas wünscht, dem wird der Wunsch erfüllt – wenn es etwas Vernünftiges ist. Zu zahlreichen Durchschreitungen wird aufgefordert, der gemeinsame Wunsch: die Zurückgewinnung der Mou-lang-Parkchaussee und des Dorfes Mou-lang für das UNESCO-Welterbe Park Wilhelmshöhe.


Das »Wunschtörchen« oberhalb von Mou-lang.
Postkarte von ca.1910.
*21
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Dank an
Museumslandschaft Hessen Kassel, Graphische Sammlung
Maren Brechmacher-Ihnen
Prof.Hardy Fischer
Siegfried Hoß
Margot Lutze
Dr.Christian Presche

Nachweise
*1 H. Brunner, Wilhelmstal. Alois Holtmeyer (Hg.): Alt Hessen, viertes Heft. Marburg ca.1919.
*2 Ulrich Schmidt (Hg.): Der Schloßpark Wilhelmshöhe in Ansichten der Romantik, Kassel 1993
*3 HNA-Blick zurück 456
*4 Archiv Familie Greger
*5 Wolfram Schäfer: »Von ›Kammermohren‹, ›Mohren‹-Tambouren und ›Ost-Indianern‹«, in: Hessische Blätter für Volks- und Kulturforschung, Band 23, »Fremdsein«
*6 Karl Paetow: Klassizismus und Romantik auf Wilhelmshöhe, Kassel 1929
*7 Alois Holtmeyer (Hg.): W.Strieder’s Wilhelmshöhe, Marburg 1913
*9 Hans-Dieter Scholz: Wasser- und Windmühlen der Stadt Kassel, Veröffentlichung für den »Dienstgebrauch« des Regierungspräsidiums Kassel, 1997
*10 HNA-»Blick zurück« Nr.1317
*11 Johann Wilhelm C.G. Carsparson über die Löwenburg, zitiert aus Hans-Christoph Dittscheid: Kassel-Wilhelmshöhe und die Krise des Schloßbaues am Ende des Ancien Régime, Worms 1987
*12 HNA-Blick zurück 606: Horst Hamecher legt Arbeit von Philipp Losch zum »Soldatenhandel« neu auf.
*13 HNA-Blick zurück 50
*14 Gottfried Ganßauge: Der Chinesentempel im Wilhelmshöher Park. In: Hessische Heimat, 7.Jg. 1957/58 / Heft 6. Von Ganßauge auch das Pagodenfoto von ca.1957.
*15 Friedrich Andreae: China und das achtzehnte Jahrhundert. In: Grundrisse und Bausteine zur Staats- und Geschichtslehre, Berlin 1908. Nachdruck 1996: Keip GmbH.
*16 Paul Heidelbach: Die Geschichte der Wilhelmshöhe, Leipzig 1909
*17 P.G. Hübner: Wilhelmshöhe, Berlin 1927
*18 Maren Brechmacher-Ihnen, Siegfried und Manueal Hoß: »Chinoise« Szenerien im Park, in: (k) KulturMagazin Nr.92, Kassel, Juli/August 2003
*19 Stadtmuseum Kassel
*20 Nigel Temple: Das chinesische Dorf der Landgrafen von Hessen im Park von Wilhelmshöhe, deutsch von Margot Lutze, in: Porzellan aus China und Japan, Kassel 1990. (im Landesmuseum Kassel gibt es dieses Buch für 10 Euro, für Mou-lang-Liebhaber unverzichtbar!)
*21 Sammlung Feyll / Forssman
*22 Museumslandschaft Hessen Kassel, Graphische Sammlung (bzw. Objektdatenbank) – beim Klicken auf die kleinen Verweisziffern an den Bildern (»*22«) öffnet sich jeweils ein Link auf die Seite der mhk mit dem Original-Digitalisat.
*23 Isabell M. Steinhauer: Dorf Mulang im Schlosspark Wilhelmshöhe, Edition der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen, Regensburg 2003
*25 A. Kausch, China, Köln 2002
*26 Mitteilung durch Yannick Philipp Schwarz, Kassel
*27 Bildherkunft unklar. Wenn Rechte betroffen sind, bittet der Autor um Mitteilung.
*28 www.kasselwiki.de
*29 Alois Holtmeyer: Die Bau- und Kunstdenkmäler im Regierungsbezirk Cassel